Winterlauf

Winterlauf

Der Männerabend wird in letzter Minute abgesagt. Unser Gastgeber ist krank. Dann werde ich heute doch noch frieren müssen! Wenn ich Zeit habe, wird auch trainiert. Das Abendessen, das ich auf dem Weg aus dem Büro noch eingekauft habe, will verdient sein.

Wegen der Dunkelheit muss ich heute die Asphaltstrecke nehmen. Schade, aber Spaß im Schlamm hatte ich ja vorgestern. Rein in Laufhose und Pullover, die Füße in die Zehenschuhe bugsiert, dann noch schnell den Schnee vom Hauseingang geräumt und losgetrabt.

Der Weiher am Ende der Straße ist nicht mehr zugefroren. Und der Schwan, den ich dort schon seit Wochen regelmäßig sehe, nicht mehr allein! Ein schönes Vorzeichen für den hoffentlich bald einziehenden Frühling. Aber jetzt geht’s erstmal den schneebedeckten Fußweg hoch und durchs Wohngebiet.

Am Ende des Dorfs kommen mir zwei Läufer entgegen, dick vermummt. Ihre Plastikjacken rascheln laut bei jedem Schritt. Hoffentlich gibt’s keine elektrische Entladung, wenn ich sie passiere.

Nach dem ersten Kilometer spüre ich langsam die Kälte aus meinen Zehen weichen. Bis Kilometer zwei sind auch die Hände warm und ich bin zufrieden, die Handschuhe wieder zu Hause gelassen zu haben.

Der Mond ist eine milchige Scheibe ohne Rand, kaum heller als das Grau um ihn herum. Aber es reicht, dass ich meinen Blick über weite, verschneite Felder streifen lassen kann. Winter kann schön sein, manchmal.

Mein Wendebaum kommt auf, bald hab ichs geschafft. Hinter der langgezogenen Kurve rutsche ich über einzelne, kleine Eisflecken auf dem Radweg, den ich entlanglaufe. Es geht jetzt leicht bergan, und der Wind kommt nun von vorne. Die Schienbeine ziehen. Die Kälte? Oder doch zu wenig Training, und Buße für die lange Winterpause?

Egal, als das Dorf wieder in Sicht kommt, merke ich, wie meine Schritte ungewollt länger und kraftvoller werden. Stalldrang! Noch einmal durch den tiefen Schnee auf dem Fußweg, dann die kurze Steigung in meine Straße hinauf. Schrittlänge runter, Kadenz rauf. Etwas Druck wegnehmen, auch wenn Auslaufen nie meins werden wird. Die Treppe bis zur Wohnungstür ist mal wieder das schwerste Stück. Aber oben angekommen macht sich das zufriedene Grinsen breit, dass zuverlässig kommt, wenn der innere Schweinehund mal wieder verloren hat.

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